Mit dem brandneuen Leapmotor B10 Hybrid EV drängt ein hochinteressanter Newcomer auf den europäischen Markt der Kompakt-SUVs. Obwohl das Kürzel „EV“ im Namen auf ein reines Elektroauto hindeutet, handelt es sich hier um die Variante mit Range Extender (REEV). Für den europäischen Markt geht der chinesische Hersteller einen strategisch klugen Sonderweg: Der gesamte Vertrieb und Service werden komplett über das etablierte Markennetzwerk von Stellantis abgewickelt. Das bringt Käufern im Vergleich zu anderen China-Importen den unschätzbaren Vorteil einer gesicherten Ersatzteilversorgung, fester Ansprechpartner und eines dichten Händlernetzes direkt in der Region.
Preislich setzt der B10 ein absolutes Ausrufezeichen. Der Einstieg in der Ausstattungslinie Life beginnt bei sensationell günstigen 32.400 €. Wer sich für die absolute Vollausstattung in der Variante Design entscheidet, landet bei gerade einmal 33.900 € – ein im aktuellen Marktumfeld kaum schlagbares Preis-Leistungs-Verhältnis. Mit einer Länge von 4,53 Metern, einer Breite von 1,88 Metern und einer Höhe von 1,65 Metern ordnet sich das SUV passgenau im C-Segment ein. Der Radstand fällt mit 2,73 Metern großzügig aus, während die Bodenfreiheit bei 170 mm liegt.
Optisch präsentiert sich der B10 an der Front modern und betont schlicht. Das LED-Standlicht sitzt weit oben, während die eigentlichen Hauptscheinwerfer mit automatischem Abblendlicht separat tiefer in der Frontschürze platziert sind. Ebenfalls in der Front integriert ist die Linse der 360-Grad-Kamera, die allerdings recht ungeschützt im potenziellen Steinschlagbereich liegt. Am Heck setzt Leapmotor auf ein gewagtes Designelement: Die durchgehende, stämmige Lichtsignatur erinnert optisch stark an einen Porsche Cayenne oder Macan. Geöffnet wird der Wagen entweder per Smartphone-App oder über eine mitgelieferte Keycard, die zum Entriegeln an den Außenspiegel gehalten und im Innenraum auf der Mittelkonsole abgelegt werden muss. Die gehobene Design-Version rollt serienmäßig auf 18-Zoll-Felgen mit Hankook-Bereifung und verfügt ab Werk über abgedunkelte Heckscheiben.
Fahreindruck
Das technische Prinzip des Range Extenders unterscheidet sich grundlegend von einem klassischen Plug-in-Hybriden. Der verbaute 1,5-Liter-Vierzylinder-Benziner ist zu 0 Prozent mechanisch mit den Rädern verbunden. Er fungiert ausschließlich als Generator, der im Hintergrund Strom produziert, diesen in die Batterie speist und so den 218 PS starken Elektromotor an der Hinterachse antreibt. Dadurch entfällt ein komplexes Getriebe, und der B10 bietet über den gesamten Geschwindigkeitsbereich das typisch lineare, schaltfreie Fahrgefühl eines reinen Elektroautos mit sofort anliegenden 240 Nm Drehmoment.
Den Sprint von 0 auf 100 km/h absolviert das SUV in flotten 7,5 Sekunden, die Höchstgeschwindigkeit wird bei 170 km/h elektronisch abgeriegelt. Das Fahrwerk ist spürbar komfortorientiert abgestimmt und filtert Unebenheiten gut. Allerdings führt die weiche Auslegung in Kombination mit dem relativ hohen Fahrzeugaufbau zu deutlichen Wankbewegungen in schnellen Kurven. Da die Sitze zudem recht flach gestaltet sind und kaum Seitenhalt bieten, kommt bei dynamischer Fahrweise schnell Unruhe auf. Gewöhnungsbedürftig zeigt sich der künstliche Fußgänger-Warnsound (AVAS) in der Stadt, der im Innenraum bei niedrigen Geschwindigkeiten präsenter ist als manch moderner Verbrennungsmotor.
Das assistierte Fahren auf Level-2-Niveau gelingt dank adaptivem Tempomaten und einer präzisen Spurzentrierung, die sich bequem über Drehrädchen am Lenkrad steuern lässt, im Alltag sehr zuverlässig. Einzig der Spurhalteassistent (Lane Assist) greift gelegentlich etwas zu aggressiv und abrupt in die Lenkung ein. Die Geräuschisolierung bewegt sich auf solidem Klassenniveau: Bei konstant 130 km/h misst der Dezibelmesser im Innenraum 68 bis 69 dB, wenngleich die Windgeräusche im Bereich der A-Säulen beim Passieren von LKWs subjektiv etwas lauter wirken.
Platzangebot
Dank des langen Radstands von 2,73 Metern glänzt der B10 in der zweiten Sitzreihe mit einer hervorragenden Knie- und Beinfreiheit, die selbst hinter großen Fahrern ein luftiges Reisen ermöglicht. Auch die Kopffreiheit unter dem großen Panorama-Glasdach ist absolut ausreichend. Ein konzeptioneller Nachteil der Bodengruppe, die eins zu eins vom reinen Elektromodell übernommen wurde, ist jedoch der hohe Fahrzeugboden. Da die hintere Sitzbank recht flach montiert ist, liegen die Oberschenkel größerer Passagiere kaum auf der Polsterung auf, was auf Langstrecken die Ergonomie einschränkt. Die hintere Mittelarmlehne verfügt über zwei Cupholder. Abgerundet wird der Fond durch zwei Luftdüsen sowie je einen USB-A- und USB-C-Anschluss.
Der Kofferraum fällt im Standardzustand mit 330 Litern für ein SUV dieser Größe recht kompakt aus. Durch das Umklappen der im 60:40-Split geteilten Rückbank lässt sich das Volumen jedoch auf beachtliche 1.600 Liter erweitern, wobei eine nahezu perfekt ebene Ladefläche entsteht. Ein Fernentriegelungs-Hebel im Kofferraum fehlt, die Heckklappe öffnet in der Design-Linie jedoch elektrisch. Die Kofferraumlänge beträgt im Normalzustand 85 cm (Breite 105 cm) und wächst bei umgelegten Lehnen auf stolze 1,77 Meter bis zu den Vordersitzen. Ein echtes Komfort-Highlight: Die hinteren Kopfstützen lassen sich komplett demontieren, sodass die Beifahrersitzlehne elektrisch vollständig flach nach hinten geklappt werden kann. So entsteht eine komfortable Lounge-Liegefläche für Pausen.
In puncto Anhängelast enttäuscht das Fahrzeug jedoch: Lediglich 750 kg dürfen an den Haken genommen werden. Noch restriktiver ist die extrem geringe Stützlast von gerade einmal 30 kg. Der Transport von schweren E-Bikes auf einem Fahrradträger ist damit in der Praxis ausgeschlossen. Die Dachlast ist vom Hersteller nicht spezifiziert.











Innenraum
Das Interieur des B10 präsentiert sich radikal digitalisiert und minimalistisch. Das Zentrum bildet ein 14,4 Zoll großes Infotainment-Display, das mit einer extrem flüssigen Performance und schnellen Reaktionszeiten überzeugt. Flankiert wird es von einem kompakten 8,8-Zoll-Instrumentencluster hinter dem Lenkrad. Die Software bietet serienmäßig Wireless Apple CarPlay und Android Auto sowie vorinstallierte Apps wie Spotify und TikTok. Der integrierte Sprachassistent versteht grundlegende Befehle wie das Aktivieren der Lenkradheizung gut, antwortet beim Aufrufen jedoch mit drolligen Phrasen wie „Ich komme gleich, ich komme gleich“, was den übersetzten Charakter der Software zeigt. Ein cleveres Sicherheitsgimmick: Beim Öffnen der vorderen Türen fangen die Blinker außen automatisch an zu leuchten, um den nachfolgenden Verkehr vor Aussteigenden zu warnen.
Die Materialqualität überrascht angesichts des niedrigen Einstiegspreises positiv. Große Teile der Armaturen und Türen sind im Sichtbereich mit weichen Oberflächen und schickem Biokunstleder verkleidet, einfaches Hartplastik findet sich erst im unteren Drittel des Innenraums. Die konfigurierbare Ambientebeleuchtung setzt optische Akzente und blinkt beim Einparken rot, sobald man einem Hindernis zu nahe kommt. In der Mittelkonsole befindet sich ein variables Becherhalter-Konzept, das sich bei Nichtgebrauch wegzappen lässt, um zusätzliche Staufläche freizugeben. Daneben sitzen eine induktive Ladefläche (auf der Smartphones im Test sehr warm wurden), ein 12V-Anschluss sowie zusätzliche Ladebuchsen. Die Sitzheizung und die etwas laut surrende Sitzbelüftung werden ausschließlich über den Touchscreen gesteuert. Das Lenkrad lässt sich in Höhe und Tiefe verstellen, könnte für größere Fahrer jedoch noch ein Stück tiefer justierbar sein.
Motorvarianten und Ladetechnik
Antriebsseitig kombiniert Leapmotor das Range-Extender-System mit vier spezifischen Fahrprogrammen, um die Effizienz des 1,5-Liter-Vierzylinders und des Elektromotors optimal zu nutzen:
EV + Modus: Das Fahrzeug fährt rein elektrisch. Erst ab ca. 10 % Restkapazität schaltet sich der Verbrenner unbemerkt zu, um den Akkustand zu halten. Der Generator speist dann mit bis zu 50 kW (ca. 68 PS) Strom zurück in die Batterie. Da das Auto bei Höchstgeschwindigkeit weniger als 50 kW benötigt, kann man die Batterie selbst bei Dauervollgas auf der Autobahn nicht komplett leerfahren.
EV Modus: Klassischer, rein elektrischer Modus für den urbanen Alltag.
Kraftstoff Modus: Der Verbrenner läuft dauerhaft als Generator mit, um die Batterie zu entlasten und den Ladestand zu konservieren.
Power + Modus: Maximale Leistungsbereitschaft. Hier läuft der Vierzylinder unter Volllast, um die Batterie permanent vollzupumpen, damit die vollen 218 PS jederzeit bereitstehen. In diesem Modus wird der Motor akustisch allerdings sehr laut und dröhnend.
Die rein elektrische Reichweite des Akkus liegt bei alltagstauglichen 82 bis 86 Kilometern, womit der B10 alle steuerlichen Richtlinien für E-Kennzeichen und Dienstwagenprivilegien erfüllt. Ist die Batterie leer, schöpft der Benziner aus einem 50-Liter-Tank, was eine kombinierte Gesamtreichweite von über 900 Kilometern ermöglicht.
In unserem Praxistest über eine gemischte Distanz von 2.200 Kilometern (mit rund 100 km Autobahnanteil und viel Stadtverkehr) quittierte der Bordcomputer einen Realverbrauch von 6,8 Litern Benzin auf 100 km sowie zusätzlich 15,2 kWh Strom. Das zeigt deutlich: Wer den Range Extender nicht konsequent an der Steckdose lädt, fährt im Endeffekt einen klassischen Verbrenner mit einem Verbrauch um die 6 bis 7 Liter. Auf dem Papier wirbt der Hersteller mit utopischen 2,4 Litern kombiniert.
Geladen werden kann der Akku wahlweise über Wechselstrom (AC) oder an der Schnellladesäule (DC). Über den DC-Anschluss zieht der B10 in der Spitze bis zu 46 kW Ladeleistung, womit der Hub von 30 auf 80 % exakt 30 Minuten dauert. Zu Hause an der Wallbox lädt das SUV mit soliden 11 kW. Die Navigation bietet eine zuverlässige Routenplanung, die Ladesäulen auf Wunsch integriert – auch wenn Ladestopps dank des 50-Liter-Tanks ihren Schrecken verlieren.
Fazit
Der Leapmotor B10 Hybrid EV präsentiert sich als ein extrem konkurrenzfähiges Angebot auf dem europäischen Markt. Für einen unschlagbaren Preis von knapp über 33.000 € in der Vollausstattung bietet das Kompakt-SUV ein exzellentes Platzangebot, moderne Assistenzsysteme und eine tadellose digitale Ausstattung. Das Range-Extender-Prinzip nimmt Skeptikern jegliche Reichweitenangst auf der Langstrecke und bietet gleichzeitig das butterweiche Fahrgefühl eines Elektroautos. Dank der Vertriebspartnerschaft mit Stellantis müssen Käufer keine Angst vor einem Servicedilemma haben. Wer bereit ist, über die schwache Anhängelast, die unpraktische Keycard und den im Alltag realen Verbrauch von knapp 7 Litern hinwegzusehen, bekommt hier extrem viel Auto für erstaunlich wenig Geld.
Der Autor
Autos begleiten mich nicht nur – sie prägen mich. Schon früh hat sich bei mir eine tiefe Begeisterung für alles entwickelt, was vier Räder hat. Diese Leidenschaft geht weit über den Alltag hinaus: Motorsport ist ein fester Bestandteil meines Lebens, genauso wie die Faszination für unterschiedlichste Fahrzeugkonzepte – vom kompromisslosen Sportwagen bis hin zum durchdachten Alltagsauto.
Über die Jahre habe ich mir durch zahlreiche Testberichte und praktische Erfahrungen ein fundiertes Verständnis für Fahrzeuge erarbeitet. Ich durfte viele Autos nicht nur kurz bewegen, sondern sie wirklich kennenlernen – auf der Straße, im Alltag und in unterschiedlichsten Situationen. Genau dieser Erfahrungsschatz fließt in meine Inhalte ein.
Danke, dass Ihr meine Leidenschaft teilt und Euch die Zeit nehmt, meine Inhalte zu verfolgen.
Mail: Kontakt@nonstopdriving.eu
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